Günter Brus

Günter Brus wird am 27. September 1938 in Ardning in der Steiermark geboren.

Bis 1956 besucht er die Kunstgewerbeschule in Graz, geht dann nach Wien an eine Schule für Gebrauchsgraphik, doch nach kurzer Zeit wechselt er in eine Meisterklasse für Malerei - dort lernt er Alfons Schilling kennen, mit dem ihm eine enge Freundschaft verbindet.

Nach dem Besuch der 30. Biennale, wo er sehr von den Arbeiten Klimts beeindruckt war, entstehen eine größere Anzahl von Arbeiten auf ungrundiertem Packpapier; so entstand der Entwurf einer ausschließlich gestischen Malerei, in der das kompositionelle Element zugunsten eines freien körperlichen Ausagierens nicht mehr existent ist.

Die Arbeiten sind in schwarz - weiß gehalten und von äußerst großen Format.

Im Herbst 1960 wird ein ganzer Raum Brus` Zimmerateliers mit Packpapier bespannt, und er bemalt den ganzen Raum. Somit umgeht er die Konzentration auf ein bestimmtes isoliertes Bildformat.

Anfang Dezember lernt Brus Otto Mühl kennen, durch den er im Mai 1961 das Angebot einer Ausstellung in der Galerie Junge Generation. Die Kritik auf seine ausgestellten Werke ist skeptisch bis ablehnend, er hört den Vorwurf einer zu großen Orientierung an dem Informellen Pollock. Ende desselben Jahres lernt er seine zukünftige Frau Anna kennen, die ihm auch nicht aus seiner Depression helfen kann. Brus befindet sich in dieser Zeit in einer großen Schaffenskrise, da er kurz zuvor den Wehrdienst beendet hat.

1962 will Brus den informellen Ansatz ausweiten: er bindet sich seine Hände und Beine zusammen, um die Malgestik und die Tendenz zur Komposition zu irritieren und konzentriert sich immer mehr auf den eigenen Körper als direkter Ausgangspunkt des Bildes. Doch schlußendlich bewegt er sich vom Informel weg, nicht zuletzt durch seine Bekanntschaft mit Hermann Nitsch.

1963 führt Brus die "Malerei in einem labyrinthischen Raum" durch: mit quer durch den Raum auf Schnüren aufgespanntes Packpapier will er den Blick auf das Gesamte irritieren. In einem ekstatischen Prozeß bemalt er die gesamte Wandfläche und erreicht somit ein dekompositionelles Ergebnis. Leider wurden alle bis auf zwei Leinwände der "Malerei in einem labyrinthischen Raum" durch die feuchten Mauern im Lagerkeller zerstört.

Da seine engen Freunde Nitsch und Mühl schon längst eigene Aktionen durchführen hat er Angst, den Anschluß zu verlieren. So führt er seine erste Aktion "Ana" durch: von Anfang an war für Brus wesentlich, den eigenen Körper ins Zentrum der Aktionen zu setzen, um die Funktion der Körpermotorik im Malprozeß nachzuvollziehen. Diese Aktion hat die Absicht, den Körper direkt in ein räumliches Bild einzubringen.

Ein profan eingerichteter Raum wird auf eine angedeutete Zweidimensionalität reduziert, indem der gesamte Raum und auch die Möbel mit weißer Farbe überzogen werden. In weiße Tücher gehüllt rollt Brus sich nun quer durch das Bild, worauf eine Körperbemalung seiner Frau folgen sollte, doch noch während der Durchführung des ersten Teiles der Aktion empfand er keine Befriedigung und Unsicherheit überkam ihn. So verwarf er das Vorgehabte und beendet die Aktion mit einem wütenden Malprozeß.

Die zweite Aktion "Selbstbemalung I" ist in drei thematische Komplexe gegliedert:

  • 1. Handbemalung
  • 2. Kopfbemalung
  • 3. Kopfzumalung

Hier entstehen zwei formale Elemente, die wesentlich sind für die weiterenAktionen: die schwarz - weiße Körperbemalung und die entwickelteMaterialästhetik, d.h. das Verwenden von Rasierklingen, Sägen, Nägel,Scheren usw.

Ein weiteres Eindringen in die Malfläche wird sadomasochistischsymbolisiert, auch die Symbolik des schwarzen Striches, der, genaudurch die Mitte des Körpers führend, die Verletzung des Körpersaufzeigt.

Im Frühjahr 1965 führt Brus seine fünfte Aktion"Selbstverstümmelung" durch, in der der Körper noch radikaler alszuvor degradiert wird.

Die sechste Aktion "Wiener Spaziergang", wohl die bekanntesteAktion von Brus, formuliert die Symbolik des trennenden und sogleichverletzenden Striches am deutlichsten. Von Kopf bis Fuß völlig weißbemalt, doch mit einem schwarzen Strich über das Gesicht und denKörper, spaziert Brus als lebendes Bild durch die Wiener Innenstadt.

Die siebente Aktion "Malerei. Selbstbemalung.Selbstverstümmelung" ist eigentlich die erste Aktion vor geladenem Publikum, da fast alle seine vorhergehenden Aktionen für die Kameraentworfen wurden.

1966 hat Brus mit Mühl die Idee einer Totalaktion ,bei der siedie Materialaktionen Mühls mit der Selbstverstümmelungsthematik Brus`verbinden wollen, wobei der prozessuale Charakter als wesentlichhervorgehoben werden soll. In diesem Entwurf einer Totalaktion geht esausschließlich um eine dramatische Auseinandersetzung mit derWirklichkeit im aktionistischen Prozeß.

Im selben Jahr lernt er Rudolf Schwarzkogler kennen und arbeitet auch mit ihm zusammen.

1967 führt er seine 23. Aktion Aktion mit Diana" durch. Mitwirkende istseine Tochter Diana. Danach konzentriert sich Brus ausschließlich aufeine analytische Körpersprache und ein radikales Durchbrechenkörperlicher und sexueller Tabus. Um die totale Befreiung zu erlangen,werden der Körper und seine Funktionen zum künstlerischen Medium.

1968 findet mit der 30. Aktion "Der helle Wahnsinn - dieArchitektur des hellenWahnsinns" die erste Fäkalaktion statt, bei derer sowohl seine Blase als auch seinen Darm öffentlich entleert und sichmit einer Rasierklinge die Haut aufritzt.

Am 7. Juni 1968 nimmt er am von den Sozialistischenösterreichischen Studenten veranstalteten "Kunst und Revolution" mitMühl, Wiener und Weibel (beide von der in den Fünfziger Jahrenliterarische Gruppe die Wiener Gruppe) teil. Hier veranstaltet Brusseine 33. Aktion: nackt fügt er sich Schnitte in Brust und Oberschenkelzu, uriniert in ein Glas, trinkt aus diesem, beschmiert seinen Körpermit Kot und beginnt, die österreichische Bundeshymne singend, zuonanieren.

Wegen "Herabwürdigung der Staatssymbole" werden er, Mühl undWiener zu einem halben Jahr verschärftem Arrest verurteilt. Die FamilieBrus versucht, gegen dieses Urteil zu berufen.

1969 muß Brus mit seiner Frau und der Tochter nach Berlinflüchten, weil die Berufung abgelehnt wurde. Aufgrund eines Besuchesbei der Kommune I und der problematischen Ereignisse seine Kunstbetreffend möchte er nicht mehr weiterarbeiten und gründet mit denebenfalls emigrierten Rühm und Wiener die Wiener Exilregierung mit derZeitung "Die Schastrommel".

Im Sommer 1970 führt Brus seine letzte, die 43. Aktion "Zerreißprobe" durch. Seine extremste Aktion machte eine Weiterführungder Selbstverstümmelungsthematik nicht möglich, da sie in einemSelbstmord hätte enden müssen und dadurch auch nicht mehr notwendig war.

Heute konzentriert sich Günter Brus hauptsächlich aufzeichnerische und literarische Werke, er veröffentlichte 1971 den Roman"Irrwisch" und nahm 1980 an der Biennale in Venedig teil.

Seit Sommer 2005 ist Brus Kolumnist und Zeichner beim österreichischen Monatsmagazin Datum